Die Kirche im Tor
Nach Ende des dreißigjährigen Krieges 1648 wurde das Gotteslager durch eine neue Bastion östlich des Kaisertores verdrängt. Die verbleibenden Fachwerkhäuser aus dem wurden weiter östlich wieder errichtet. Die Kirche musste, wie schon erwähnt, der Bastion weichen und wurde im Westen Wolfenbüttels wieder aufgebaut. Am 13. Mai 1655 war der letzte Gottesdienst in der Fachwerkkirche, und am 20. Mai 1655 traf man sich dann das erste Mal zum Gottesdienst im neuen Andachtsraum des verlassenen und somit eigentlich überflüssig gewordenen Kaisertores. Der Andachtsraum war im großen Saal im ersten Stock des Kaisertores eingerichtet worden.
Jedoch war das kein guter Ersatz. Die Gemeindeglieder mussten durch das Herzogtor zur Kirche, denn der direkte Zugang von Osten her war durch die neue Bastion verwehrt.
Dennoch gewöhnte man sich an diese Situation, zumal die Mittel fehlten, eine eigene, neue Kirche zu erbauen. Das Kaisertor hatte robuste Grundmauern und bot zunächst mit seiner Kapazität von rd. 350 Sitzplätzen ausreichend Platz.
In den unteren Räumen, die für den Gottesdienst unbrauchbar waren, hatte die Garnison Platz zur Unterbringung ihrer Soldaten, von Werkstätten und Lagerräumen.
1691 kamen rund 400 Menschen regelmäßig zum Gottesdienst, es mussten also immer einige stehen. Die Gemeinde wuchs, und es wurde klar: ein größerer Gottesdienstraum musste gefunden werden. Herzog Anton Ulrich schrieb am 6. Mai 1692 eine Kollekte für einen Neubau aus und stiftete selbst 1000 Taler. Dazu kamen weitere 993 Taler, was für einen neuen Kirchbau nicht ausreichte. Man besann sich der guten Bausubstanz des Kaisertores und beschloss einen Umbau, der das ganze Obergeschoss umschloss und mit Emporen dann wesentlich mehr Platz bieten würde. Denn bis dahin hatte der Andachtsraum nur etwa die Hälfte des Grundrisses des Kaisertores eingenommen.
Johann Balthasar Lauterbach, Professor der Mathematik an der Wolfenbütteler Reiterakademie und herzoglicher Landbaumeister, stellte den Entwurf fertig und gab dabei der Westfassade ein prunkvolles Aussehen, so wie es dem Herzog Anton Ulrich gefiel, der gerne etwas für die Verschönerung des Stadtbildes tun wollte. Zwei große Türme, die das Gebäude selbst nicht überragen, umrahmen den Bau, die Fassade selbst lehnt sich an an die Fassade des Lustschlosses in Salzdahlum.
Als Lauterbach im Jahre 1694 starb, geriet der Umbau allerdings ins Stocken, auch weil die Mittel knapp wurden und der ursprünglich in Stein geplante Bau kaum hätte fertig gestellt werden können. Zwar hielt die Gemeinde ihren Gottesdienst in St. Marien, dieser Zustand hielt aber schon drei Jahre an. Aus diversen Gründen zogen sie jetzt in das Hochzeitshaus der Bürgerschaft in die herzogliche Komisse, um ihre Gottesdienste zu halten, und man rief 1698 erneut zu einer Kollekte auf, die von seiten der Gemeinde nur 378 Taler erbrachte. Allerdings gab Herzog Anton Ulrich mit seinen Söhnen noch einmal 1600 Taler dazu, so dass der Bau fortgeführt werden konnte.
Der neue Landbaumeister Hermann Korb setzte nun die Entwürfe in Holz um, was ihm leicht fiel, da er aus dem Tischlerhandwerk kam und so mit diesem Baustoff umzugehen wusste.
St. Trinitatis I
Am 1. Januar 1700, dem "Jubeljahr", wurde die Kirche geweiht. "Hic doums dei et porta Coeli" - Hier ist das Haus Gottes und das Tor zum Himmel, so stand auf der Medaille, die in diesem Jubeljahr mit dem Abbild der Kirche geprägt wurde. Vielleicht war die Wahl dieses Wortes ein Versuch, protestantische und römische Christen wieder zusammen zu führen, denn dieses Jakobswort (Gen 28, 17) stand auch auf päpstlichen Denkmünzen. Jedenfalls stand Herzog Anton Ulrich den Kreisen nahe, die eine Union beider Konfessionen anstrebten. Vielleicht aber will damit auch nur die Umwidmung des Stadttores zur Kirche markiert und betont werden: jetzt ist es kein Stadttor mehr, jetzt ist das Tor zum Himmel!
Der Name der Kirche, St. Trinitatis, ist neutral und hält die Möglichkeit einer Union protestantischer und römischer Christen offen.
Der Brand und die Bergkirche
Die Freude über das neue Gotteshaus auf den Grundfesten des alten Stadttores währte nicht lange. am Donnerstag, den 18. August 1705, traf ein Blitz die Kuppel und entzündete den Holzbau. Zunächst fürchtete man, dass durch Funkenflug das nicht weit entfernte, im Norden liegende Gießhaus der Garnison, in dem Schießpulver, Bomben und Granaten lagerten, entzündet würde. Doch dann drehte der Wind Richtung Osten, und die Häuser der Gottesstadt lagen weit genug entfernt, als dass der Brand eine Gefahr darstellte.
Weil die Balken und Säulen aber sehr massiv waren und man den Brand wegen der Höhe des Gebäudes nicht löschen konnte, holte man Kanonen heran und ließ den schwelenden Bau niederschießen. So schützte man die umliegenden Gebäude.
Nach fünf Wochen wird wieder Gottesdienst gehalten, diesmal in beengten Verhältnissen in der Werkstatt der Garnison im Gießhaus nördlich von der abgebrannten Kirche gelegen. "Der angebrannte Zorn Gottes" heißt die Predigt des Pfarrers Nitsch. Am 10. Sonntag nach Trinitatis, dem Sonntag vor dem Brand, hatte er in der Kirche eine Strafpredigt gehalten, dass Wolfenbüttel das gleiche Schicksal ereilen werde wie einst Jerusalem, da die Stadt in den gleichen Sünden leben würde. Nun war diese Predigt gerade im Blick auf das Gotteshaus wahr geworden.
Die künftigen Gottesdienste wurden im Gießhaus auf dem Philippsberg gehalten, dort, wo jetzt das Gefängnis steht. "Bergkirche" nannte man wegen ihrer erhöhten Lage diesen Notbehelf, und 14 Jahre versammelt sich dort die Gemeinde. Das Gotteslager ist arm, es findet sich nicht genug Geld, um St. Trinitatis wieder aufzubauen.
Da aber auch im Norden der Stadt ein neues Siedlungsgebiet vor allem von Gärtnern und Hofleuten entsteht, wird der Plan gefasst, anstatt nun eine Kirche im Gotteslager am Ostrand der Stadt wieder die alte Kirche auf den Grundmauern des Kaisertores zu errichten. So entsteht "St. Trinitatis II".


