"Die Zahl der Krankentage in Deutschland ist zu hoch", sagt (…) Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU).[1]
Aus diesem Grund soll in Zukunft eine neue Krankschreibungsreform von der CDU, CSU und SPD verabschiedet werden. Telefonische Krankschreibung soll nicht mehr möglich sein. Eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung sollte schon ab Tag eins der Krankheit vorliegen und rückwirkend soll man sich nur noch in Ausnahmefällen krankschreiben lassen.
Ob das hilft? Viele Menschen bezweifeln das. Überspitzt sagen Menschen in den sozialen Medien folgende Dinge:
Mit Migräne zum Arzt? Plötzlich ist man statt einen Tag Ausruhzeit so überfordert und überreizt, dass es gleich zu mehreren Krankheitstagen kommt. Norovirus und Magen-Darm werden kostenlos an Patient*innen weitervergeben, die sich auch im Wartezimmer befinden.
Die Sängerin Leonore Lilja beschreibt es in ihrem Lied „Arbeit macht geil! (Und krank sein ist gesund…) ziemlich passend:
„Kranksein ist Arbeitszeitbetrug,
ich steck so gern Kollegen an
damit ich noch mehr leisten kann
Leisten, leisten, das Gehalt
Keine Rente, werd nicht alt
(…)
Ich habe Husten, Schnupfen, Brechdurchfall ab heute im Büro
Corona, Influenza, das macht doch alle froh
Arbeit macht geil und krank sein ist gesund.“
Tja, wer weiß wie diese Reform tatsächlich umgesetzt wird. Aber auch wenn die CDU das „C“ in ihrem Namen hat, ist diese Forderung des Bundeskanzlers und der Regierung wenig „christlich“.
Im Weltgericht, Matthäusevangelium 25 heißt es:
„Kommt her, ihr Gesegneten Gottes, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen. Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben? Oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen? Oder nackt und haben dich gekleidet? Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? Und Gott wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einer*m von diesen meinen geringsten Brüdern und Schwestern das habt ihr mir getan.“
„Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht.“ Nicht: Ich bin krank gewesen und du hast mich zur Arbeit gezwungen.
In den Evangelien heilt Jesus Kranke. Er besucht sie, er legt ihnen die Hand auf und spricht ihnen gut zu. Er ist für sie da und gibt ihnen Halt. Jesus gibt diesen Menschen Würde.
Doch welche Würde vermittelt eine Politik, die Krankheit vor allem als Problem oder Verdachtsfall behandelt? Für viele Menschen ist es unmöglich gleich am ersten Tag der Krankheit ärztliche Hilfe aufzusuchen und oft ist es auch unnötig. Für Kopfschmerzen brauche ich keine überlastete Hausärztin, die mir sagt, was ich eh weiß. Was sollen stark ansteckende Menschen beim Arzt, wenn sie sich zuhause auch so auskurieren können? Was sollen die Menschen machen, die ein kompromittiertes Immunsystem haben - jedes Mal nach einem Arztbesuch kranker werden? Was ist mit Menschen, die nicht einfach mit dem Auto zur Arbeit fahren können – im Bus noch mehr Menschen anstecken?
Krankheit raubt vielen Menschen Würde, gerade durch so eine Verteuflung von Krankheit von der Regierung. Ein so negatives Bild von Krankheit bedeutet, dass Krankheit als etwas Schlechtes gesehen wird, nicht nur als Zustand, den wir alle mal erleiden müssen.
Ihr hört vielleicht meinen Unmut und meine Wut aus diesen Worten heraus. Denn diese Reform macht mich unfassbar wütend. Krankheit bedeutet im biblischen Wort, dass Menschen sich um die kranke Person kümmern sollen. Diese Reform einer „christlichen“ Partei tut jedoch das Gegenteil.
Welches Recht hat die Regierung ihren verwundbarsten Mitgliedern der Bevölkerung, den Kranken, ihre Würde zu nehmen? Vielleicht stelle ich es mir zu krass vor, aber was ist, wenn nicht?
Wenn Krankheit von dem Bundeskanzler bezweifelt wird - einem Menschen, der die Bevölkerung übrigens schützen sollte – dann fällt es anderen Menschen auch leichter böswillig über Krankheit zu sprechen.
Ich habe mal darüber nachgedacht, weswegen ich in den letzten Jahren nicht arbeiten war. Kopfschmerzen, die bei mir leider öfters chronisch vorkommen. Periodenschmerzen, monatliche Begleiter. Phasen psychischer Belastung. Folgen von meiner Colitis Ulcerosa, einer Autoimmunerkrankung des Darms. Alles Dinge, die sich innerhalb von 1-2 Tagen oder auch einer Woche geklärt haben. Wenn ich jetzt aber für all diese Dinge in die Heimat fahren muss für einen Hausarzttermin – denn wo findet man denn noch Hausärzte, die neue Patient*innen aufnehmen – dann werden daraus schnell mehr Krankheitstage, weil ich ja gar keine Zeit mehr habe mich auszuruhen. Anstatt mich für ein paar Stunden ins Bett zu legen, bin ich über eine Stunde mit dem Auto unterwegs und warte durchschnittlich etwa eine bis zwei Stunden im Wartezimmer und stecke mich womöglich noch mit etwas an. Grandios. Alleine davon brauche ich schon Erholung.
Diese Regelung ist nicht tragbar für das System, nicht für den Einzelmenschen und ist auch nicht christlich fundiert. Nein, stattdessen bestraft die Regierung die verwundbarsten Mitglieder der Bevölkerung: Kranke und Menschen mit Behinderung.
„Was ihr getan habt einer*m von diesen meinen geringsten Brüdern und Schwestern das habt ihr mir getan“, heißt es im Matthäusevangelium. Ich hoffe, die CDU und CSU Regierung erinnert sich an das Buch, auf dessen Grund sie ihren Namen gewählt haben.
Das Evangelium erinnert uns daran, dass der Umgang mit den Schwächsten Maßstab unseres Handelns ist. Christliche Politik muss sich daran erinnern.
Gebet mitten am Tag:
Gott,
du hast uns durch deinen Sohn gezeigt, wie wir unsere Nächsten lieben können und dass wir besonders die schwächsten Mitglieder unserer Gesellschaft schützen sollen. Du stellst die Kranken, die Schwachen und die Verwundbaren in die Mitte. Hilf auch uns, ihre Würde zu achten und sie nicht unter Leistungsdruck oder Misstrauen leiden zu lassen.
Viele Menschen haben Angst um ihre medizinische Versorgung und vor den Regelungen, die nun gelten oder eingeführt werden sollen. Höre unsere Sorgen, nimm unsere Ängste ernst und schenke uns Kraft, Hoffnung und Vertrauen.
Amen.
[1] www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/krankschreibung-krankheitstage-reform-100.html (letzter Zugriff: 03.07.2026)
Andacht von Tatjana Schiefer
