Erforscht euch selbst, ob ihr im Glauben steht; prüft euch selbst! Oder erkennt ihr an euch selbst nicht, dass Jesus Christus in euch ist?
Dieser Spruch aus dem 2. Korintherbrief ist die heutige Tageslosung. Ein Brief, der eine angespannte Zeit in Korinth beschreibt und so auch einen sehr aktuellen Bezug hat.
Um das Jahr 56 nach Christi Geburt herum war es für die Christ*innen in Korinth schwer sich dort in die Gesellschaft einzugliedern und es gab viele Probleme mit heidnischen oder andersgläubigen Mitbürger*innen. Aber auch die Christ*innen als Gemeinschaft waren eher gespalten und unruhig. Situationen, die wir auch heute noch kennen. Menschen, die sich anfeinden durch ein Unverständnis voneinander, durch Fremdheit und Anderssein. Differenzen wurden deutlich und Gemeinschaft kaum möglich – durch Vorurteile, andere Glaubenssätze und Angst vor dem Fremden.
Und so schreibt Paulus an diese Gemeinde: „Prüft euch selbst! Jesus ist in euch, aber erkennen tut ihr das nicht so wie ihr handelt!“
Im 1. Brief an die Korinther hat Paulus den Gemeindemitgliedern schon viele Weisheiten und Lebensregeln mitgegeben. Die Korinther führten heidnische Gerichtsprozesse gegeneinander und nahmen einander aus, fügten sich Unrecht zu. Paulus verweist darauf, dass sie als Gemeinschaft einander nicht schaden sollen. Er verbietet die Prostitution, das Essen von Opferfleisch und weißt die Menschen darauf hin, dass sie alle als Gemeinschaft funktionieren. Sie alle sein im Leib Christi zusammen und jede und jeder hat seine oder ihre Funktion. Gemeinschaft steht über allem. Und aus diesem Brief stammt auch der beliebte Bibelvers: „Es bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; doch am größten unter ihnen ist die Liebe.“
Liebe ist ein zentrales christliches Thema, ein Leitbild sozusagen. Das Doppelgebot der Liebe ist genau der Grundkern des christlichen Glaubens. So heißt es im Matthäusevangelium 22, 37-40: „Jesus aber sprach zu ihm: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt.“ Dies ist das höchste und erste Gebot. Das andere aber ist dem gleich: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.“
Jesus war ein sehr radikaler Mensch, wie wir in vielen Bibelgeschichten lesen können. Er hinterfragt Machtstrukturen und die Gesellschaft in Galiläa. Er fordert Feindesliebe statt Rache, Inklusion von Außenseitern und das Abgeben von reichem Besitzen an Arme. Jesus sagt, dass Männer die Frauen hinterherlüstern ihre Augen auskratzen sollen und das Liebe bedingungslos ist.
Also: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! Genau das ist der Kern der christlichen Religion.
Und in jeder Begegnung mit anderen Menschen kann man sich genau diese zwei Fragen stellen: „Behandle ich diesen Menschen in Nächstenliebe?“ und „Wie würde Jesus handeln?“
Würde Jesus schlecht über andere reden? Würde Jesus beleidigen oder schlagen? Würde Jesus Unterdrückung zulassen? Würde Jesus Arme in ihrer Armut alleine lassen und Hungernde ignorieren?
Viele von diesen Forderungen sind – das ist mir bewusst – radikal und schwer umsetzbar. Wir haben nicht immer die Möglichkeiten die Welt rigoros zu verändern. Aber wir können in den kleinen Dingen beginnen.
Ein nettes Wort. Ein Lächeln. Ein Kompliment. Freundlichkeit im Umgang miteinander.
Ich habe eine Geschichte mitgebracht, die mich seit einiger Zeit beschäftigt: Am vorletzten Sonntag wurde ein Freund von mir in den Dienst des Diakons eingeführt. „Diakönig“ genannt von seinen Kollegen. Ein toller Gottesdienst gestaltet von Propst Lars Dedekind aus Braunschweig und unserer neuen Bischöfin Christina-Maria Bammel sowie ein wundervoller Nachmittag im Kinder- und Jugendzentrum Kiez. Eine rundum gute Veranstaltung.
Ein paar Tage später wurde ein Gratulationspost auf dem Facebook- und Instagram-Kanal der Landeskirche hochgeladen. Viele positive Kommentare und Gratulationen sammeln sich unter den Bildern.
Und dann, ein Kommentar: „Sehr schön, aber das Basecap, das er trägt, das geht ja gar nicht.“ Seitdem explodiert unsere WhatsApp-Gruppe mit verärgerter Unterstützung. Denn dieser Diakon hat jahrelang ehrenamtlich geniale Arbeit für die Kirche geleistet. Pfadfindergruppen geleitet, dort Lager und Fahrten angeboten, Gremienarbeit geleistet. Sogar den Peiner Gertrud-Böhnke-Preis für außerordentliches ehrenamtliches Engagement gewonnen. Er hat im Studium gute Leistungen abgelegt und den Loccumer Studienpreis erhalten. Heute leitet er das Kinder- und Jugendzentrum.
Aber das Einzige was manche Menschen sagen können, ist: „Sorry, es geht gar nicht, dass er ein Basecap trägt.“ Kein Wort zu seinem Engagement, kein Wort zu seinem Weg in den Dienst, sondern ein kritischer Hinweis auf seine Kleidung. Aber so überschattet dieser Kommentar (und einige ähnliche) diesen wunderbaren Anlass.
Das hat mich nachdenklich gemacht. Wie schnell passiert es uns, dass wir bei einem Menschen zuerst das sehen, was uns nicht gefällt, statt das, was ihn auszeichnet. Wie oft übersehen wir Freude, Einsatz und Begabung, weil unser Blick an einer Kleinigkeit hängen bleibt?
Wieso ist so viel einfacher ist, Schlechtes zu sagen als Gutes?
Etwas Nettes zu sagen, ist so leicht. Und so leicht geht auch Nächstenliebe. Behandeln von anderen Menschen mit Respekt. Keine Meinungsbildung über Aussehen, Kleidung, Körper, Sprache und Herkunft. Nächstenliebe bedeutet, das Gegenüber zunächst immer als Mensch zu sehen.
Als einen Menschen mit Gefühlen, Hoffnungen, Sorgen und eigenen Herausforderungen. Einen Menschen wie mich selbst.
Und ja, urteilen ist einfach. Negatives ist leichter zu formulieren als Positives. Ich bin definitiv nicht frei davon. Jeder Mensch lästert mal oder regt sich auf. Aber vielleicht ist genau das, was Paulus mit „Prüft euch selbst!“ meint?
Immer wieder sich selbst reflektieren und zu überlegen, was Jesus an meiner Stelle tun würde. Jesus Worte über Nächstenliebe wortwörtlich nehmen und nach ihnen handeln.
Es gibt eine tolle Aktion, die oft für Konfirmand*innenarbeit genutzt wird. Diese WWJD (also: What would Jesus do? – Was würde Jesus tun?) sollen getragen werden als Erinnerung genau daran. Sich selbst immer wieder zu fragen, wie kann ich mehr in Nächstenliebe handeln?
Jesus Christus ist in euch, schreibt Paulus. Das ist natürlich nicht wortwörtlich gemeint. Die Frage ist, ob man ihn auch in unserem Handeln erkennt. Vielleicht beginnt das manchmal schon mit einem freundlichen Wort statt eines abwertenden Kommentars.
Gebet mitten am Tag:
Gott,
wir versuchen nach Deinem Vorbild zu handeln, doch ist es oft schwer für uns. Schlechte Worte sind schnell gesagt, während gute Worte manchmal erst gefunden werden müssen. Erinnere uns daran, wie viel besser es für unsere Gesellschaft ist, höflich zu sein und Menschen in Respekt, Freundlichkeit und Nächstenliebe zu begegnen. Öffne unsere Augen für das Gute in anderen und in uns selbst. Lass es uns würdigen und wertschätzen wie viel Gutes es doch auf dieser Welt gibt. Lege uns gute Worte auf die Zunge, damit wir in deinem Namen anderen Menschen ein Lächeln schenken können.
Amen.
Andacht von Tatjana Schiefer
