„Der ehrliche religiöse Denker ist wie ein Seiltänzer“, schrieb der Philosoph Ludwig Wittgenstein in seinen Vermischten Bemerkungen, und erläutert: „Er geht, dem Anscheine nach, nur auf der Luft. Sein Boden ist der schmalste, der sich denken lässt. Und doch lässt sich auf ihm wirklich gehen.“
Und so ist es wohl. Man kann sich auf die Tragfähigkeit des Glaubens verlassen und mit dem Glauben Erfahrungen machen. Auch wenn das ganze von außen vielleicht seltsam erscheinen mag und sich Fragen stellen: Warum sollte sich ausgerechnet in einem gekreuzigten Menschen dieser Gott gezeigt haben? Wie kann ein Gott Gott bleiben, wenn er doch Mensch geworden ist? Wie passt die offensichtliche Machtlosigkeit Jesu am Kreuz zur Rede von der Allmacht Gottes?
Solche Fragen lassen sich nicht durch logische Operationen beantworten. An Gott zu glauben bedeutet auf eine Wirklichkeit zu vertrauen, die sich nicht begründen lässt – gilt sie doch dem Glaubenden ihrerseits als Grund des Seins und des Erkennens. Es gilt darauf zu vertrauen, dass dieser Grund trägt. Und es gilt zu handeln im Vertrauen darauf, dass Leben und Lehre von Jesus neue Wege für das eigene Leben wie für das Leben in Gemeinschaft zeigen.
Die zentrale Botschaft von Jesus war die Ansage des Reiches Gottes als einer Wirklichkeit, die die Welt verwandelt. Im biblischen Wort für den bevorstehenden dritten Sonntag der Passionszeit wird diese Ausrichtung noch radikalisiert: „Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“ (Lukas 9,62)
Der ständige Blick über die Schulter kann den Pflügenden aus der Bahn bringen und die Furche schief werden lassen. Die vor einem liegende Arbeit will getan werden, mit dem Blick nach vorne. Wenn es darum geht, die Zukunft zu gestalten, ist es wichtig, die Bedingungen des Künftigen zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren. Mitunter sind klare Entscheidungen notwendig.
An Aschermittwoch haben mehr als 400 nordamerikanische christliche Führungspersönlichkeiten den Aufruf „A Call to Christians“ veröffentlicht. Er will Orientierung in einer kritischen Situation geben. Darin heißt es: „Wir weigern uns, Herrschaft zu taufen. Wir weigern uns, Grausamkeit zu heiligen. Wir weigern uns, autoritäre Macht mit göttlicher Autorität zu verwechseln.“
Man findet sich konfrontiert mit einem „christlichen Glauben, der durch die häretische Ideologie des weißen christlichen Nationalismus korrumpiert wurde, und mit einer Kirche, die es oft versäumt hat, ihre Mitglieder dazu zu befähigen, die Lehren Jesu nachzuahmen.“ Es wird klar Stellung bezogen: „Wir entscheiden uns für Widerstand und berufen uns dabei auf die gerechten Forderungen unseres Glaubens, der in den Lehren Jesu verwurzelt ist.“
Seiltänzer müssen nach vorne schauen, beherzt einen Fuß vor den anderen setzen und geschickt das Gleichgewicht halten. Möge es Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, gelingen, im Gottvertrauen einen tragfähigen Grund zu finden und auf dem Seil des Lebens beherzt gehen zu können – in Gemeinschaft mit anderen, die ebenso unterwegs sind.