In Psalm 121 Vers 8 heißt es „Gott behüte deinen Ausgang und deinen Eingang.“ Ich finde, dieser Vers beschreibt das Zeitfenster besonders gut. Immer wieder kommen Menschen rein, gehen raus. Manchmal frage ich mich, wie oft wurde diese Tür wohl im letzten Jahr geöffnet? Ich habe die Strichliste noch nicht ausgezählt. Und oft haben wir die Zahl der Menschen, die täglich kamen, auch nur geschätzt. Aber wie viele Menschen waren wohl über die letzten 1 ½ Jahre hier? Wie viele Füße sind wohl über diese Schwelle gegangen?
Wie viele Gespräche fanden hier statt? Wie viele Gebete? Wie viele neue Bekanntschaften haben sich gefunden? Wie viele Momente haben jemanden geprägt?
Wie oft habe ich wohl die Türen hier auf und abgeschlossen? Vor 1 ½ Jahren habe ich eine Checkliste geschrieben, was wir alles bedenken müssen, wenn wir gehen. Heute mache ich das gefühlt im Schlaf.
Die Antwort kann ich nicht geben, auch wenn ich sie gerne wüsste.
Und heute heißt es Abschied nehmen. Eine finale Andacht für mich. Nächste Woche wird Bischöfin Bammel die letzte Zeitfensterandacht halten.
Ein Abschied. Seit Oktober haben wir 30 Andachten im Zeitfenster gemeinsam gefeiert, dazu noch den Lichtschwertsegen am 04. Mai und eine englische Andacht für unsere Gäste aus Namibia. Diese Zahl kann ich konkret sagen. Ganz schön viele Zettel sind das.
Und nach heute werden keine mehr dazu kommen. Ein komisches Gefühl. Manchmal habe ich damit gekämpft einen neuen Andachtstext zu schreiben und die Worte sind einfach nicht geflossen. Jetzt wünsche ich mir, ich könnte diesen Moment des „Was soll ich denn bloß schreiben?“ nochmal erleben.
Es ist komisch, hier zu stehen und zu wissen, dass es das letzte Mal ist. Das letzte Mal, dass ich euch Gedanken mit auf den Weg geben darf, predigen darf. Ich muss sagen, am Anfang hatte ich auch ganz schön Angst. Was soll ich junge Frau denn diesen älteren Menschen erzählen? Und nach und nach habe ich gemerkt, dass die Schnittmengen an Interessen deutlich größer sind als ich dachte.
Lasst uns zurückblicken.
Wir haben über Katharina von Bora gesprochen, die starke Frau hinter Martin Luther, ohne die er nie Zeit gehabt hätte eine Reformation zu starten.
Es ging um den Film „K-Pop Demon Hunters“ und das Lied „What it sounds like“: Ich war ein Feigling, eine Lügnerin. Ich bin keine Heldin, nur am Überleben. Am Träumen, am Kämpfen. Es ist keine Lüge, ich bin müde.Aber ich weiß: Springe ich ins Feuer, bin ich nicht alleine. Worte, die wir auch im Gebet sprechen könnten.
Wir redeten über Kindheitsträume und Pläne, die Gott für uns hat.
Im Musical Jesus Christ Superstar fanden wir Gedanken über Stress und Verantwortung, die unsere widerspiegelten und auch beruhigten: Denn auch Jesus ringt mit Entscheidungen und Verantwortung. In der Fastenzeit ging es um die Themen Sehnsucht und Weite, Verletzlichkeit und Mitgefühl, Nachfragen, Sanfte Töne und Furcht und Große Freude.
Es ging um kleine und große Momente mit Gott und die Frage, wann ist mir Gott eigentlich nah? Wie sollte ich mit Menschen umgehen als Christ*in?
Wir haben über die WM gesprochen und über Frauenbilder in Gesellschaft und Religion. Öfters gab es nach Andachten neben Kaffee auch politische Diskussionen.
Und heute ist es das letzte Mal so wie wir es gewohnt sind.
Persönlich habe ich mich in den letzten Wochen regelmäßig geweigert mich damit zu beschäftigen, wie schnell das Ende kommt. Ach, das sind ja noch drei … zwei … ein Monat, drei … zwei … eine Woche.
Irgendwie war es schöner das alles zu verdrängen. Das Zeitfenster noch Zeitfenster sein zu lassen, während es noch existiert. Noch nichts zu räumen und noch nichts zu verändern machte es leichter, so zu tun, als wäre nichts. Aber das ist nicht wahr. Es geht vorbei.
Für mich war das Zeitfenster ein Arbeitsplatz. Ein Projekt, meine erste richtige Arbeitsstelle, wo ich richtig Erwachsenengeld verdiene.
Aber für euch war es noch viel mehr.
Ruheort.
Pause.
Jemand ist da.
Zuhörer*innen.
Gesprächspartner*innen.
Krisenhilfe.
Kostenloser Kaffee.
Flucht vor Extremwetter.
Anlaufpunkt.
Handyladestation.
Vertrauen.
Angebote.
Und viel viel mehr, was ich gar nicht als hier arbeitende Person fassen kann.
Bald wird Gott den letzten Ausgang behüten. Das letzte Mal Aufräumen. Das letzte Mal Licht ausmachen. Das letzte Angebot. Das letzte Mal den Schlüssel drehen.
Aber es werden sich auch andere Türen öffnen. Für mich und für euch. Wo das sein wird, das kann ich nicht sagen. Wann das sein wird, auch nicht.
Ich möchte euch dennoch diese Worte mit auf den Weg geben. Eigentlich bin ich kein Fan von Sprichwörtern, aber ich finde „Wo sich eine Tür schließt, öffnet sich eine andere“ meist ziemlich treffend. Ich wünsche euch also sehr, dass ihr schnell und gut behütet eine neue Tür findet, die euch willkommen heißt.
Die Gespräche, die wir hier geführt haben, verschwinden nicht. Die Gemeinschaft, die entstanden ist, und die Begegnungen, die ihr erfahren habt, werden euch auf den nächsten Wegen begleiten. Die Gebete, die wir miteinander gesprochen haben, gehen nicht verloren.
Das Zeitfenster hat bei euch Spuren hinterlassen. Jede Tasse Kaffee, jedes Gespräch, jede neue Begegnung, jedes Lächeln waren es wert. Abschied nehmen bedeutet nicht, dass alles weg ist, sondern, dass wir das Gute mitnehmen dürfen. Und das wünsche ich uns, dass uns das Gute auf allen Wegen begleitet und all eure Eingänge und Ausgänge behütet werden.
Gebet mitten am Tag:
Gott,
gemeinsam durften wir heute noch einmal Andacht feiern, so wie wir es gewohnt sind. So viele Worte haben wir in den vergangenen Monaten an dich gerichtet, so viele Gebete miteinander gesprochen. Nun ist die Zeit gekommen, Abschied zu nehmen, und das fällt uns nicht leicht.
Wir bitten dich: Behüte unsere Ausgänge und unsere Eingänge. Begleite uns auf unseren Wegen und sei uns nahe, wenn wir uns allein fühlen. Schenke uns Mut für das Neue, Dankbarkeit für das, was war, und Vertrauen darauf, dass du auch die Türen öffnest, die jetzt noch vor uns liegen.
Amen.
Andacht von Tatjana Schiefer
