Am Anfang war das Wort
und das Wort war bei Gott
Und Gott gab uns das Wort
und wir wohnten im Wort
Und das Wort ist unser Traum
und der Traum ist unser Leben.
Dieses Gedicht von Rose Ausländer habe ich das erste Mal im Seelsorge-Trakt vom Marienstift Braunschweig gelesen. Ich muss zugeben, so schön ich es auch finde, wirklich verstanden habe ich es bis heute nicht.
„Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott“ ist der berühmte erste Satz aus dem Johannes-Evangelium. Die ersten Verse des Evangeliums beschreiben die Herkunft Jesu als das Wort, mit dem Gott die Welt geschaffen hat. Jesus war von Anfang an dabei – schon vor Anbeginn der Zeit. So wird die Schöpfung und die Menschwerdung Jesus miteinander in Zusammenhang gestellt. Das ist die theologische Erklärung des Satzes.
Doch umgangssprachlich bedeutet „Wort“ etwas ganz anderes. Ich habe mal den Duden dazu befragt und es gibt sogar sechs verschiedene Definitionen für das Wort „Wort“. Drei wesentliche davon habe ich euch mitgebracht:
1. Kleinste selbstständige sprachliche Einheit von Lautung und Inhalt bzw. Bedeutung
Worte sind oft kurz. Klein. Und doch können sie so viel Bedeutung haben. Ein Wort kann etwas ganz Grundlegendes verändern. Ein Ja-Wort bei einer Hochzeit die zu Ehe und Gemeinsamkeit führt. Oder das Gegenteil: Ein schlechtes Wort, eine Beleidigung, die eine Freundschaft für immer beendet. Egal wie klein, Worte haben Macht, sie verändern.
2. Etwas, was jemand als Ausdruck seiner Gedanken, Gefühle o. Ä. zusammenhängend äußert; Äußerung
Ein Wort des Dankes. Ein Trostwort. Es entsteht eine Verbindung zwischen Menschen. Gefühle werden laut, werden hörbar. Worte verändern die Wahrnehmung des Gegenübers. Wie reagiert er oder sie? Wie spricht jemand über etwas? Positiv und freundlich oder eher negativ und abwertend? Wir reagieren darauf. Durch Worte lernen wir eine Person besser kennen und Worte schreiben Geschichten.
3. Förmliches Versprechen; Versicherung
„Ich gebe dir mein Wort.“ Ein Wort kann ein Versprechen sein: „Ich bin da“. „Ich höre dir zu.“ „Ich habe dich lieb.“ Worte schenken Trost und Sicherheit. Vertrauen zwischen zwei Menschen.
Doch kann ein Versprechen auch gebrochen werden. Es zu Enttäuschung kommen, wenn ein Wort nicht eingehalten wurde.
Ja, am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott. Aber Gott gab uns Menschen das Wort, die Verantwortung. Wir sind verantwortlich für die Worte die wir sprechen. Unsere Worte haben Macht etwas zu verändern. Unsere Worte beeinflussen die Welt um uns herum. Und unsere Worte tragen Versprechen mit sich.
Wir wohnen, wir leben mit den Worten, die wir sprechen. Leben mit den Konsequenzen von ihnen, gut oder schlecht. Unser ganzes Leben ist aufgebaut auf das auf, das wir sagen.
Doch wenn wir das Gedicht ganz genau nehmen, geht es gar nicht immer um die Worte, die wir sprechen können.
Es geht um Jesus, um das lebendige Wort Gottes.
Ein lebendiges Wort, das nicht leer bleibt.
Ein lebendiges Wort, das trägt.
Ein lebendiges Wort, das sagt: „Ich bin da.“
Vielleicht ist das genau die Einladung des Gedichtes? Dass wir unser Leben von diesem Wort prägen lassen. Dass wir uns auf die Geschichten Gottes einlassen und Teil von ihnen werden?
Wir leben durch und in Gottes Wort, in der Nachfolge Jesu.
Was ist, wenn deine Handlungen, deine Gedanken, deine Träume auch das Wort Gottes sind?
Wie kann dein Leben im Wort, in der Nachfolge aussehen?
Bedeutungsvoll. Ein Leben mit Gott, dank und durch Gott. Ein Leben, wertvoll und erfüllt.
Jesus sagt siebenmal in der Bibel die berühmten „Ich-bin“-Worte, zum Beispiel:
„Ich bin das Licht der Welt.“
„Ich bin das Brot des Lebens.“
„Ich bin der wahre Hirte.“
Das sind Worte, Geschichten, die wir gut kennen.
Aber auch du hast deine ganz persönlichen „Ich-bin“-Worte in deiner Lebensgeschichte.
Ich bin Teil von Gottes Geschichte.
Ich bin am Leben durch Gott.
Ich bin Gottes geliebtes Kind.
Gebet mitten am Tag:
Gott,
du kennst unsere Worte und all die Dinge die wir nicht laut sagen können.
Worte haben Macht. Sie können verletzten und sie können unterstützen. Sie sprechen von Liebe und von Verzweiflung, von all den menschlichen Emotionen. Hilf uns die richtigen Worte zu finden, um so deine Liebe zu leben. Schenk uns ein Herz was zuhört und die Worte anderer Menschen versteht, auch das Ungesagte.
Wir wissen, dass wir in deinem Wort geborgen sind und du deine Versprechen nicht brichst. Sei bei uns und erinnere uns daran, wenn wir zweifeln.
Amen
Andacht von Diakonin Tatjana Schiefer
