„Jede Stadt bräuchte ein Zeitfenster“ heißt es in einem Kommentar der Umfrage, die wir vor einiger Zeit gemacht haben. In einem anderen Kommentar: „Die Möglichkeit, Kirche und Glauben aktiv zu leben und nicht nur passiv zu absorbieren. Andacht, Spiele, Kreatives, Kerzen verschönern, die vielen kleinen guten Gedanken zum Mitnehmen und verschenken, Menschen treffen und sich austauschen, Neues ausprobieren, Rat und Hilfe bekommen, einfach aktiv sein mit schönen Erlebnissen, leckerem Essen, allem, was der Seele guttut und meinen Glauben respektiert.“
Was für eine mega Rückmeldung für dieses Projekt!
Es ist jetzt fast ein Jahr her seit wir eröffnet habe und es sind auch schon sechs Monate vergangen seit ich die Projektkoordination übernommen habe. Letzen Karsamstag wirkte das Zeitfenster noch wie eine ganz andere Welt, ein ganz anderer Laden. Die Bänke und Stühle waren noch ganz anders gestellt, die leuchtenden Glasscheiben nur ein ferner Traum.
Und jetzt stehen wir hier in diesem Projekt was so viele Menschen mit Herzensblut aufgebaut haben. Ich möchte Ihnen und Euch heute ein paar Geschichten erzählen, die hier im letzten Jahr stattgefunden haben und die Vielfältigkeit des Projekts „Kirche zum Reinschauen“ zeigen:
Vor einigen Monaten waren zwei Jugendliche und ein älterer Herr dabei als ich die Mittwochsandacht gehalten habe. Eine der Jugendlichen stellte fest, sie müsse dringend los – für die anstehende Geschichtsarbeit lernen. Es stellte sich heraus, dass der ältere Herr Geschichtslehrer war und plötzlich wurde zu dritt Geschichte und Politik diskutiert und gelernt.
Oder vor zwei Wochen hatten wir hier Internationales Café. Ein Stammgast und ehrenamtliche Helferin im Roncalli-Haus, brachte plötzlich gefühlt das halbe Roncalli-Haus mit. Es kam zu wundervollen internationalen Begegnungen trotz einiger Sprachbarrieren. Und nur ein paar Tage später kam einer der Männer, er stammte übrigens aus dem Sudan, wieder her und wir haben mit viel Spaß und Gelächter durch den ganzen Laden Tischtennis gespielt.
Sonderlich gut waren wir nicht und ich war sehr dankbar über die präventive Maßnahme einer Glasschutzversicherung, aber es folgte auch ein wundervoller und lehrreicher Austausch über Tanzarten und Musik in verschiedenen Kulturen.
Jeden Donnerstag findet das „Vorlesen für Erwachsene“ statt, welches unsere Ehrenamtliche Anje initiiert hat. Seit einiger Zeit ist die Känguru-Trilogie besonders beliebt und wird immer wieder angefragt. So viele unterschiedliche Menschen, verschiedener Altersgruppen, die über die Eskapaden eines vorlauten Kängurus und eines Kleinkünstler mit Migränehintergrund zusammen lachen. Inzwischen kann ich einige Kapitel fast auswendig aufsagen, da Anje und ich sie so oft schon vorgelesen haben.
Und erst am vergangenen Mittwoch kam eine ältere Dame herein, die ein wenig traurig feststellte, sie sei alleine und würde so gerne mal mit jemanden spazieren gehen. Es ergab sich die schöne Situation, dass genau in dem Moment eine andere Person hier war, die in einer Spaziergruppe ist – und plötzlich gab es eine Verbindung.
Immer wieder begegnen sich hier Menschen, die sich sonst nie begegnet wären. Menschen kommen ins Gespräch und lernen sich kennen. Bekommen hier Hilfe und Informationen, ohne Termin, ohne Warten. Finden hier eine Art Zuhause.
Letztens fragte mich tatsächlich jemand, ob ich eigentlich denke würde, dass er obdachlos wäre, weil er doch so oft hier wäre. Das Zeitfenster sei ja praktisch schon sein zweites Wohnzimmer.
Immer wieder staune ich wie viele Menschen hierherkommen, die wirklich unterschiedlicher nicht sein könnten und trotzdem zusammen hier sitzen, reden und lachen. Gemeinsam Andacht feiern, kreativ sind und sich in schwierigen Zeiten zuhören und unterstützen. Viele Stammgäste kommen täglich her und wir machen uns Sorgen, wenn wir manche einige Tage nicht sehen. Neben Spaß und Veranstaltungen, finden hier auch Krankheit, Schmerz und Verlust einen Raum. Eine kleine eigene Gemeinde, hier mitten in einem kleinen Laden in der Innenstadt Wolfenbüttels.
Aus all diesen Erfahrungen ist eine spontane Idee entstanden, die ich Ihnen und Euch sehr gern vorstellen möchte. Dort hinten, auf dem Tisch, steht eine „Gemeinsambox“, die wir am Donnerstag zusammengebaut haben.
Die Idee ist, dass jeder, ob Mitarbeiter oder Besucher*in, dort Wünsche und Anfragen aufschreiben kann – alles von „Ich möchte nicht alleine zu einem Gottesdienst gehen – kommt jemand mit?“ hin zu „Ich suche jemand, der*die mir Nähen beibringen kann.“ Also, eine Möglichkeit sich hier analog in Wolfenbüttel zu vernetzen – vielleicht gibt es ja schon Interesse? Unsere Box darf gern ab sofort genutzt werden und wir werden versuchen zu helfen und Menschen zusammen zu bringen.
Wir konnten im letzten Jahr viele Erfolge vorweisen. Vor einem Jahr wussten wir nicht einmal, ob bzw. das wir heute Jubiläum feiern, denn ursprünglich sollte dieses Projekt bereits schon vor einem Monat beendet sein.
Und bis vor einigen Wochen fürchteten wir noch, dass wir im Juni schließen müssten. Wir hatten sogar intern schon einen möglichen Termin für eine Abschlussfeier geplant. Doch dank der Synode, der Propstei und einem weiteren Finanzierungsbeschluss dürfen wir das Projekt bis Ende August fortführen. Hierfür möchte ich mich nochmal herzlichst bedanken – auch im Namen all unserer Mitarbeitenden und regelmäßigen Besucher*innen – denn uns allen ist das Zeitfenster in den letzten Monaten sehr ans Herz gewachsen.
Jetzt stehen wir also hier, am Karsamstag. Und während draußen schon das Osterfest der Stadt gefeiert wird, befinden wir uns hier drinnen ein wenig zwischen Trauer und Freude. Trauer, dass dieses schöne Projekt im August enden wird. Freude, dass wir länger hier sein können als gedacht und weiter tolle Erinnerungen und neue Verbindungen schaffen werden.
Ich wünsche uns sehr, dass wir bis dahin noch viele schöne und bewegende Momente haben werden.
Ich kann heute gar nicht genug Danke sagen!!!
Danke, an die Propsteisynode für die Möglichkeit dieses Projekt durchzuführen und die Verlängerung der Finanzierung. Danke, an alle die für das Projekt gespendet haben und spenden werden.
Danke, an Barrique, von denen wir immer wieder Unterstützung für das Projekt erhalten und die es ertragen, dauernd den Schlüsseltresor herauszugeben, damit alle unsere Mitarbeitenden und Ehrenamtlichen hier arbeiten können.
Danke, an Ulrike Jürgens vom Hospizverein, die hier Beratungen anbietet. Danke, an Julia Börner und die evangelische Familienbildungsstätte. Danke, an Maja Schulze von der Diakoniekreisstelle, die hier Sozialberatung jede Woche anbietet. Danke, an Peter Straßer von der evangelischen Erwachsenenbildung.
Danke, an das großartige Kollegium, das hier aktiv ist. Thomas Otte, der im Hintergrund immer noch ganz viel leistet – obwohl er jetzt überhaupt nicht mehr zuständig ist. An Elke Pink von der Fachstelle Gemeinwesendiakonie, die uns berät und unterstützt.
Danke, alle Kolleginnen und Kollegen, die hier Angebote durchführen oder durchgeführt haben. An Stefan Lauer mit der Kasualberatung und den Bibelabenden. An Christiane Klages, die das Kreativbuffet unterstützt hat und an Lennart Kruse, Martin Granse und Bernhard Kiy, die ihre Seelsorgetätigkeiten hier vorstellen oder vorstellen werden.
Danke, an Verena Segert vom Propsteijugenddienst und die ganzen Ehrenamtlichen der evangelischen Jugend, die immer wieder tolle Ideen haben und hier Angebote begleiten oder durchführen oder auch den Instagram-Kanal mitbetreuen.
Danke, an alle Menschen die hier ehrenamtlich aktiv sind und ohne die so viele Veranstaltungen nicht durchgeführt werden könnten. Es sind so viele verschiedene Angebote und Menschen, dass ich hoffe, dass ich niemanden vergesse. Danke, an Anje, die das Vorlesen für Erwachsene gestartet hat und immer wieder Schichten übernimmt, wenn jemand anderes nicht kann. Danke, an Susanne, die die Küche in Stand hält und das Chaos was wir kreieren wieder zurechtrückt. Danke, an Sophia aus Amerika, die trotz Sprachbarriere jeden Mittwoch herkommt und Gespräche in einer fremden Sprache führt und aus ihrer Heimat erzählt. Danke, an Thomas, der trotz Berufstätigkeit an freien Samstagen hier ist und öffnet.
Danke, an Kerstin vom Strickcafé und an diejenigen, die alle das Krabbelcafé betreuen. Danke, an Nike vom Krabbelgottesdienst. Danke an die Ehrenamtlichen vom Offenen Ohr.
Danke, an alle die hier aktiv sind. Unsere wundervolle Honorarkraft Sarah, die für Website und Einkaufen, für alles hinter den Kulissen da ist. Danke an, unsere tolle Angestellte Gerlinde, die erst seit ein paar Wochen dabei ist und sich voller Energie in ihre Aufgaben gestürzt hat.
Danke, an Andrea vom Propsteibüro, die immer wieder meine Rechenfehler bei Abrechnungen korrigiert und alle Rechnungen entgegennimmt und sich kümmert.
Danke, an alle Menschen, die hier gar nicht offiziell aktiv sind, aber trotzdem mithelfen und dabei sind.
Danke, an alle Menschen, die hier vorbeikommen und das Projekt mit Leben füllen.
