Andacht vom 11. März 2026 - "Mitgefühl"
Ich muss zugeben, das Wochenthema dieser Woche erfüllt mich mit ein bisschen Freude über den Wortwitz – ob er nun intentionell ist oder nicht. Das Thema der Fastenzeit an sich lautet ja „Mit Gefühl! 7 Wochen ohne Härte“ und das Thema der Woche lautet „Mitgefühl“.
Als ich am Freitag im Büro saß um diesen Text zu schreiben, war dann aber mein Kopf leer. Ich habe das Dokument geöffnet. Einen Satz geschrieben. Kaffee gekocht. Den Satz gelöscht. Gefrühstückt. Etwas Neues geschrieben. Aus Selbsthass etwas gedruckt – ihr wisst, ich stehe auf Kriegsfuß mit diesem Gerät was nicht druckt. Das Geschriebene wieder gelöscht.
Denn irgendwie berührte mich der ausgewählte Fastentext fast gar nicht. „Freut euch mit den Fröhlichen, weint mit den Weinenden“ heißt es im Römerbrief 12,15. Für mich klang das zunächst ganz schön offensichtlich. Mit anderen mitfühlen ist doch irgendwie selbstverständlich – finde ich.
Aber ist es das denn wirklich? Der Satz „Schön für dich“ kann so wunderbar gehässig gesagt werden. Erst kürzlich als mein kleiner Bruder mir erzählte, dass er dieses Jahr in fünf verschiedenen Freizeitparks ist, war das mein erster Gedanke. Natürlich freue ich mich für ihn, dass er so viele coole Attraktionen fahren kann. Aber tief drinnen ist doch der Neid. Ich möchte doch auch – schließlich erinnere mich noch an Zeiten, als er noch super Angst hatte vor Achterbahnen und ich diejenige war, wegen der wir in Freizeitparks waren. Also ja, ein leicht gehässiges aber auch schambehaftetes „Schön für dich!“ trifft die Situation sehr gut.
Ich kann mich für eine Person freuen und die Freude gönnen und gleichzeitig gibt es so einen kleinen Teufel auf meiner Schulter, der mit den Füßen stampft wie ein bockiges Kind und sagt: „Das ist nicht fair, dass du dich freust und ich mich nicht!“
Sicherlich habt Ihr auch schonmal ihren kleinen Teufel auf der Schulter in solchen Situationen kennengelernt.
Aber das bedeutet ja nicht, dass ich mich freue, wenn es anderen schlecht geht. Im Gegenteil – oft möchte ich mitweinen und bin traurig für die anderen. Aber auch das ist an manchen Punkten selektiv. Ich kann zwar bei traurigen Liedern und Filmen weinen, mitfühlen wenn es dort schlimme Momente gibt.
Aber im echten Leben gibt es auch Momente, wo ich nicht wirklich mitfühlen kann. Wo mein Teufelchen mir ins Ohr flüstert: „Boa, die Person stellt sich ja an.“ oder meinetwegen „Du kannst verstehen, dass die Person traurig ist, aber wirklich fühlen tust du es nicht, oder?“.
Nehmen wir ein Beispiel: In meinem Umkreis wurden in letzter Zeit mehrfach Tiere von Freund*innen und Kolleg*innen eingeschläfert. Sie waren traurig um den Verlust der geliebten Haustiere. Aber für mich war das nicht sonderlich schlimm – ich hatte nie Haustiere und bin auch eher ängstlich im Umgang mit ihnen. Und auch wenn ich versuche zu verstehen, wie es meinen Bekannten dabei geht, wirklich nachempfinden kann ich es nicht. Und mein Schulterteufel verdreht nur die Augen.
Also doch gar nicht so einfach dieses Thema „Mitgefühl.“ Nicht immer kann ich mich mit den Fröhlichen freuen und nicht immer weine ich mit den Weinenden. Und immer alles so extrem zu fühlen wie die anderen ist auch unrealistisch. Dann würden wir nur noch zwischen extremen Emotionen hin- und herschwingen. Und was sind dann unsere eigenen Gefühle?
Aber den Teufel auf unserer Schulter können wir trotzdem wegschmeißen. Denn „Mitgefühl“ muss nicht immer bedeuten, dass ich genau das fühle, was die andere Person fühlt. Denn das wäre auch einfach unecht – Gefühle kann ich nicht erzwingen.
Vielleicht ist der bessere Titel diese Woche „mit Gefühl“. Ich glaube nämlich nicht, dass Paulus meint, dass wir das gleiche fühlen sollen, wie diejenigen deren Gefühle wir nicht verstehen. Sondern, dass wir uns von ihren Emotionen bewegen lassen. Nicht stumpf sind gegenüber dem was andere fühlen und trotz Neid und Unverständnis freundlich bleiben. Ihnen mit Gefühlen begegnen. Nicht „Ich fühle das Gleiche wie du“ sondern „Dein Gefühl ist mir nicht egal und ich bleibe bei dir, auch wenn ich etwas anderes fühle.“
Und der Schulterteufel wird endgültig besiegt mit Ehrlichkeit mit uns selbst. Wir können Gefühle nicht erzwingen und manchmal merken wir, dass wir gerne etwas anderes fühlen würden. Aber trotzdem nicht den Teufel ins Ohr flüstern lassen, sondern wissen: „Ich darf fühlen, was ich fühle. Ich begegne anderen Menschen mit Respekt und Freundlichkeit und genug Liebe, dass ich sie in ihren Emotionen begleiten kann.“
„Freut euch mit den Fröhlichen, weint mit den Weinenden“ – aber das Ganze mit Ehrlichkeit und mit echten Gefühlen. Denn man kann sich auch für die andere Person freuen und mit der anderen Person leiden, auch wenn wir etwas anderes fühlen.
Was ist für dich ein Zeichen von Mitgefühl?