Andacht vom 21. Januar 2026 - "Von zu viel Himmel träumen?"
Im Studium wurde mir immer gesagt, wenn es darum ging, wie man eine Andacht schreibt: Erzähl etwas Persönliches. Dementsprechend müsst Ihr jetzt mit meiner großen Liebe zu Musicals Vorlieb nehmen.
Ich habe vor ca. fünf Jahren das erste Mal „Jesus Christ Superstar“ von Andrew Lloyd Webber geguckt und wurde sofort von der Geschichte mitgerissen. Das Musical erzählt die Passionsgeschichte von kurz vor Gründonnerstag bis Karfreitag, jedoch in heutiger Zeit. Und noch etwas ist ganz Besonders: Die Geschichte wird erzählt aus Judas‘ Sicht. Wie er langsam den Glauben an Jesus verliert bis er ihn letztendlich an die Pharisäer Kaiaphas und Annas verkauft und als Verräter in die Geschichte eingeht.
Doch vorher war Judas einer der besten Freunde Jesus‘, wenn nicht sogar der beste. Aber er zweifelt an all dem was Jesus tut, was ihn ja eigentlich sehr unsympathisch machen müsste, oder?
Falsch. In dem Lied „Everthing’s alright“ – zu Deutsch: „Alles ist gut“ - fand ich für eine sehr lange Zeit, dass Judas eigentlich vollkommen Recht hat in seiner Kritik an Maria Magdalena und Jesus.
Judas kritisiert Maria Magdalena, dass sie Öl gekauft hat um Jesus zu salben und wirft Jesus vor, dass er seine Ressourcen auf die Armen und Hungernden verwenden sollte anstatt auf sich selbst. Er singt: „Deine Öle, neu und teuer, hätten für die Armen gerettet werden können. Warum hast du sie verschwendet? Wir hätten 300 Silberstücke oder mehr dafür bekommen können. Menschen, die hungern, Menschen, am Verhungern, sind wichtiger als deine Haare und Füße.“
Jesus‘ Reaktion am Ende finde ich weiterhin sehr erstaunlich, denn er kontert mit: „Willst du etwa sagen, dass wir die Ressourcen haben, den Welthunger zu stoppen? Es wird immer arme Menschen geben, schau doch mal auf all die schönen Dinge, die du hast…“
Gerade Jesus müsste doch eigentlich alles tun um den Menschen zu helfen, sich selbst ganz hinten anstellen. Aber er möchte sich einfach zurücklehnen und das Leben genießen bevor er bald stirbt.
Judas ist der Meinung das nur bloße Taten die Welt verbessern können. Gleich im ersten Lied singt er: „All of your followers are blind, too much heaven on their minds”, was auf deutsch heißen könnte: „All die die dir folgen sind blind, von zu viel Himmel träumen sie.“ Er glaubt nicht wirklich an Gott und schon gar nicht, dass Gebete und Hoffen etwas bringen können, deswegen müssen wir alles geben um die Welt zu retten. Auch auf unsere eigenen Kosten.
Und Judas hat auch irgendwo Recht: Es gibt keinen Himmel auf Erden, oder? Und durch Jesus Tod wird die Welt nicht plötzlich gut, auch jetzt 2000 Jahre später gibt es noch Leid.
Ist es also vergebens vom Himmel zu träumen? Sollten wir also vermeiden, an Gutes zu denken, zu hoffen und zu beten? Bringen nur bloße Taten etwas um die Welt wieder zurechtzurücken?
Ich möchte behaupten, dass es auch mal okay ist „vom Himmel zu träumen“. Auch mal die Augen zu schließen und sich nicht 24 Stunden am Tag 7 Tage die Woche mit Schlechtem auseinanderzusetzen. Die Nachrichten im Fernseher auszuschalten und sich das beste Trash-TV das ZDF zu bieten hat, zu gönnen.
Ich finde, es herrscht aktuell unheimlich viel Druck auf uns alles richtig zu machen und sich mit allen Problemen der Welt zu beschäftigen. Gerade auch in der Kirche höre ich immer wieder erschrocken: „Du isst nicht vegan? Du fährst Auto? Du verwendest Amazon? Wie kannst du es wagen? Neben der Klimakrise und der Diskriminierung gegen Frauen, Hunger und Armut, Umweltverschmutzung und Konsumverhalten müssen wir uns noch gegen Krieg und Rassismus, Islamophobie und Homophobie, Leid und Folter einsetzen.“
Natürlich müssen wir das! Natürlich müssen wir uns gegen Ungerechtigkeiten, Leid und Krieg einsetzen. Aber es gibt auch eine Grenze, die vielleicht auch bei jedem Menschen individuell ist und die wir als Außenstehende nicht immer sehen können.
Wir sind letztendlich alle nur Menschen und wir können nicht immer die Welt retten. Der Weg immer 100%ig alles richtig machen zu wollen, ist der schnellste Weg zu Burnout und Depression.
Ich frage mich manchmal, was sagt das über mich aus? Das ich nicht mehr alle meine Ressourcen darauf verwende, alles richtig machen zu wollen? Zumindest versuche, manchmal auch „nein“ zu sagen? Auch mal Dinge genieße, im Wissen, dass es anderen woanders gerade schlecht geht?
Träume ich von zu viel Himmel, wenn ich eine Pause einlege?
Im Matthäusevangelium Kapitel 22, Vers 39 sagt Jesus: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“
Meiner Meinung nach, ist das die ultimative Self-Care Empfehlung.
Ich kann mich erst um die anderen kümmern, wenn ich mich selbst liebe. Und mich selbst lieben, kann auch heißen, mal einen Gang herunterzuschalten und das Leben zu genießen. Vielleicht auch liebevoll auf unsere Mitmenschen zu schauen ohne erhobenen Zeigefinger, den Mitmenschen in seinen Bedürfnissen sehen. Mich selbst lieben, kann auch heißen „von zu viel Himmel zu träumen.“ Und wenn Jesus das darf, dann dürfen wir das erst recht.
Also, erlauben Sie sich neben all dem, was Sie Gutes tust für andere und für diese Welt auch mal von Ihrem Himmel auf Erden zu träumen. Wie könnte dieser aussehen?
Gebet mitten am Tag:
Gott,
die Welt leidet, auch 2000 Jahre nachdem dein Sohn für uns gestorben ist. Es ist erschreckend, was alles auf der Welt passiert – Krieg in der Ukraine, in Europa. Krieg in Gaza. Die Vereinigten Staaten im Ausnahmezustand, die Bürger*innen gespalten durch Hass und Hetze.
Wir bitten dich für all die Menschen die leiden, die in Angst leben, im Krieg. Wir bitten dich für die Menschen, die sterben. Für die Unschuldigen und die Kinder.
Wir bitten dich für uns – Menschen, die helfen wollen und nicht können. Wir verschließen manchmal die Augen – sei bei uns und unterstütze uns auch dabei, damit es uns gut geht. Wir sehen das Leid, aber wir sind ohnmächtig.
Amen.