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Andacht vom 10 Juni 2026 - "Ich werde sein"

„Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.“ Diesen Beginn des Apostolischen Glaubensbekenntnisses finde ich sehr schwierig, muss ich zugeben. Nicht nur wegen der penetranten männlichen Formulierungen, die meinem Feminismus oder wahrscheinlich auch der Realität nicht entsprechen. Sondern vor allem auch, weil ich diese Worte so nichtssagend finde.

Unter Vater – oder Mutter – kann ich mir noch etwas vorstellen. Aber dann wird es schwierig. Was bedeutet denn Allmächtigkeit? Alles können, alles regieren, alles dem Rücken zudrehen wie menschliche Herrscher? Die Fähigkeit die Welt zu ändern und es nicht zu tun? Aber vor allem bedeutet es für mich Distanz zwischen mir und Gott. Schöpfer, Schöpferin des Himmels und der Erde. Wir kennen die Wissenschaft, die Theorien um den Urknall. Vielleicht hat Gott diese Ereignisse zum Rollen gebracht, aber irgendwie auch wieder nicht persönlich.

Glauben ist etwas Persönliches. Ich möchte sogar die These aufstellen, dass niemand von uns an den gleichen Gott glaubt. Wir glauben alle an verschiedene Facetten unseres Gottes, aber wir kennen nie das Ganze. Wir haben zu unterschiedlichen Vorstellungen und Schwerpunkte im Glauben. Ich sage ganz oft bewusst: „Mein Gott.“ Mit dem Fokus darauf, dass ich gerade von mir rede und in der Vorstellung wie Gott für mich ist.

„Mein Gott liebt alle Menschen, egal woher sie kommen, wie sie aussehen, wie sie lieben.“ Das ist mein individuelles Bild von Gott. So erfahre ich Gott im Glauben, im Leben, in der Bibel, in der Gemeinschaft. Mir ist aber auch bewusst, dass andere Menschen das so nicht sagen würden – so sehr es mir wehtut mir vorzustellen, dass die Interpretation der Bibel soweit auseinandergeht.

In der Bibel gibt es viele verschiedene Worte die Gott umschreiben. Sicherlich kennt ihr alle Exodus 3, 13-14: „Mose sprach zu Gott: Siehe, wenn ich zu den Israeliten komme und spreche zu ihnen: Der Gott eurer Eltern hat mich zu euch gesandt!, und sie mir sagen werden: Wie ist der Name?, was soll ich ihnen sagen? Gott sprach zu Mose: Ich werde sein, wie ich sein werde. Und sprach: So sollst du zu den Israeliten sagen: »Ich werde sein«, hat mich zu euch gesandt.“

Wäre ich Mose, hätte ich mir wahrscheinlich auch nur gedacht: „Na danke für nichts… Ich bin, der ich bin ist echt super aussagekräftig. Damit werde ich bestimmt alle überzeugen können.“ (Vorsichtig, Ironie).

Aber genau das ist das Schöne. Gott ist für die Menschen unbeschreiblich, ungreifbar. Anders. Größer. Und dennoch: Gott ist da. Für alle. In so vielen Facetten, dass für alle was dabei ist.

Mit jeder Aussage, die wir über Gott treffen, machen wir auch eine Aussage über uns selbst. Über unsere inneren Werte. Was uns wichtig ist. Über unsere Gedanken, Ideen, Wünsche. Über unser Leben. Gott selbst bleibt jedoch immer größer als wir es je ausdrücken können.

Ich habe euch einige Begriffe mitgebracht, wie Gott beschrieben werden kann:

Vater. Mutter. Hirte. Königin. Richter. Felsen. Burg. Licht. Schild. Quelle des Lebens. Brot des Lebens. Erlöserin. Retterin. Alpha. Omega. Feuer. Gesetzgeberin. Gerechtigkeit. Liebe. Mut. Stärke. Geheimnis. Allwissend. Unbekannt. Geist. Weg. Wahrheit. Wunderwirker. Zuversicht. Aufpasserin. Mitleidender. Mitgehende. Heiler. Schweigende.

Heute möchte ich euch die Zeit geben, ein bisschen selber über euer Gottesbild nachzudenken. Sucht euch vielleicht eine Würfelvorlage im Internet.

Überlegt euch fünf Begriffe, die für euch Gott beschreiben und beschriftet damit die Seiten. Die sechste Seite lassen wir leer als Erinnerung daran, dass Gott größer ist als das, was wir niederschreiben und beschreiben können. Das Geheimnis Gottes. Sie steht auch für die Antwort Gottes zu Mose: „Ich bin, wie ich bin.“

Gebet mitten am Tag:

Gott,

du bist, wie du bist. Es ist schwer auszuhalten, dich nicht genau zu kennen. Wir leben in einer Welt, wo deine Worte, deine Aussagen, dein Sein instrumentalisiert werden. Gibt uns die Stärke von deiner Liebe zu erzählen.

Wir kennen nur Facetten von dir, doch hilft uns dieser Glaube durch unser Leben. Wir danken dir, für all die Erfahrungen die wir mit dir machen dürfen, für all die Bilder die uns dir näherbringen. Bewahre uns davor zu glauben, wir hätten dich ganz verstanden. Lass uns neugierig bleiben, auf dich und auf einander.

Amen


Andacht von Diakonin Tatjana Schiefer