Andacht vom 22. Juli 2026 - "WM"
Die WM ist vorbei, Spanien ist Weltmeister. Geguckt habe ich kein einziges Spiel und den Gewinner habe ich vorhin gegoogelt.
WM und Fußball interessiert mich so gar nicht und ich kann mir persönlich nichts Langweiligeres vorstellen als Männern dabei zuzusehen wie sie einem Ball hinterherrennen. Aber das ist okay. Ich mag es zwar nicht verstehen, aber ich weiß wie sehr Fußball verbindet.
Und gerade die WM 2026 in den USA, Kanada und Mexiko greift so viele Themen auf, über die ich predigen könnte.
Plötzlich scheint das ganze Internet Fan von einem norwegischen Spieler, Erling Braut Haaland, zu werden. Memes und lustige Videos entstehen und junge Menschen sind vereint in Freude an dem Spieler. Gleichzeitig benutzen Rechte seinen Erfolg im Zusammenhang mit seinem Aussehen als großer blonder, weißer Mann um ihre Ideologie zu pushen. Nationalismus und weiße Ideologie ist ein Thema.
Natürlich hätte ich auch Lust mich über die Einreiseregelungen in die USA aufzuregen – der somalische Schiedsrichter, der nicht einreisen durfte, das iranische Team was die USA nur für Spiele betreten durfte. Also auch ein Exkurs über Rassismus und Chancenungleichheit wäre ein Thema, dass ich aufgreifen könnte.
Und dann gibt es da das typische Wort „Fußballgott“, dass immer wieder von Fans verwendet wird und Menschen auf ein Podest stellt, was Gott vorbehalten ist. Gerade in dem Kontext „Der einzige Gott an den ich glaube, ist der Fußballgott“ ist schwierig und in meinen Augen verletzend und respektlos.
Aber ich möchte heute über etwas ganz anderes reden, als eine WM die ich gar nicht verfolgt habe.
Fußball ist mehr als Sport. Fußball ist Politik, Gesellschaft, Gemeinschaft, Hass und Liebe. Fußball zeigt wer gesehen wird, wer gefeiert wird und wer im Hintergrund verschwindet.
Und vor allem ist Fußball männlich.
Ich bin Feministin und ich bin – wie gesagt – kein Fußballfan. Dennoch kenne ich „natürlich“ Namen der männlichen Fußballer, jedoch kenne keine einzige NationalfußballspielerIN. Generell heißt es ja auch Fußball und Frauenfußball, als wäre Männerfußball die Norm. Oft heißt es ja, es läge daran, dass Männer Fußball besser finden als Frauen, dennoch sind die Fans ähnlich verteilt. Von zehn Fußballfans sind sechs männlich und vier weiblich, also nicht ganz Hälfte/Hälfte. Es gibt also nicht unbedingt einen Grund warum Fans Männerfußball besser finden als Frauenfußball, wenn man auf das Geschlecht guckt. Und über die unterschiedliche Bezahlung wollen wir mal gar nicht reden.
Bei diesem Thema Frauen- vs. Männerfußball denke ich jedoch auch an die Rede von Angela Merkel zur Fußball-WM 2006 zurück, Wortlaut: „Natürlich drücken wir unserer Mannschaft die Daumen, und ich glaube, die Chancen sind gar nicht schlecht. Die Frauenfußball-Nationalmannschaft ist ja schon Fußballweltmeister, und ich sehe keinen Grund, warum Männer nicht das Gleiche leisten können wie Frauen.“[1]
Auch im Glauben und in der Religion gehen die Frauen oft unter. Ein großer Grund dafür ist natürlich die männliche Narrative, männliche Erzählweisen: die heutigen Bibelschriften, Gebete, theologischen Ansätze und Bräuche sind von Männern verfasst worden. Auch wenn wir uns heute in der evangelischen Kirche mit Lob überschütten, weil Frauen mehr Rechte haben als in der katholischen Kirche, ist dies eigentlich lächerlich. Erst etwa 1900 Jahre nachdem das Christentum gegründet wurde, wurde in der evangelischen Kirche die erste Frau ordiniert. Das sind etwa 4-5% der Kirchengeschichte, die nun mit weiblichen Pfarrpersonen geschrieben wurden.
Eigentlich erstaunlich, oder?
Schließlich war die erste Person, die Gott einen eigenen Namen gegeben hat, eine Frau.
Hagar.
Nicht Adam.
Nicht Abraham.
Nicht Mose.
Nein, eine Frau, eine Sklavin auf der Flucht.
Hagar war die Ehefrau von Abram und die Sklavin von Sara, der anderen Ehefrau von Abram. Sie wird misshandelt und flieht in die Wüste, wo ein Engel Gottes mit ihr spricht und ihre Not erkennt. Hagar nennt diesen Gott „El Roi“ – der, der mich sieht.
Diese Aussage, diese Umschreibung „Ein Gott, der mich sieht“ ist für viele Menschen ein Hoffnungsträger. Eine konkrete Beschreibung, wie Gott ist. Und vor allem macht es Gott nahbar und persönlich. Für viele Menschen ist es die Lieblingsbezeichnung von Gott, da es eine direkte Beziehung zu Gott herstellt.
Es ist deutlich persönlicher als „YHWE“ oder „der Gott Abrahams“. Es ist der Beginn von der Definierung von Gott nicht über eine männliche Linie die heute niemanden mehr großartig interessiert, sondern die biblische erste Erklärung über das Wesen Gottes.
Von einer Frau. Sie ist der Beginn einer persönlichen Beziehung zu und einem Verständnis von Gott. Hagar ist die erste Person, die Gott nicht in der Distanz begegnet, sondern als jemand der sie wirklich sieht und ihr Hoffnung gibt.
Und trotz allem, wird Hagar oft vergessen. Jeder Christ und jede Christin kennt die Geschichte oder zumindest den Namen von Abraham und vielleicht noch von Sara. Aber Hagar wird immer wieder vergessen. Obwohl sie die persönliche Beziehung zu Gott begründet.
Es ist also ähnlich wie im Fußball. Durch männliche Kommerzialisierung ist in beiden Bereichen das sogenannte generisches Maskulinum entstanden: Männer werden als der Standard gesehen und Frauen als Nebensache. Es gibt bei beiden die gleiche Antwort auf diese Fragen:
Wer wird gesehen?
Wer wird übergangen?
Wessen Leistungen gelten als selbstverständlich?
Hagar gibt Gott einen Namen.
Die Frauenmannschaften spielen fairer, mit weniger Fouls und Theatralik, weniger Wut um Schiri-Entscheidungen und einem somit flüssigeren Spiel.
Obwohl Frauen das Gleiche oder sogar besseres leisten, sind Männer im Fußball und in der Kirche der Standard. Das ist etwas, an dem wir dringend arbeiten müssen. Nur eine Gleichberechtigung beider Geschlechter kann ein optimaler Standard sein.
Ich möchte klarstellen: Guckt gerne Männerfußball, wenn es euch interessiert. Freut euch über gewonnene Spiele. Männerfußball ist eine tolle Möglichkeit gemeinsam zu feiern und sich über einen internationalen Wettbewerb zu messen.
Aber die Frauen-WM findet nächstes Jahr statt. Wenn ihr Lust habt, guckt doch mal rein. Ist auch günstiger und nicht hinter exklusiven Paywalls versteckt.
Und einen nicht so lustigen Fakt, den ich euch mit auf den Weg geben möchte: Die (häusliche) Gewalt an Frauen nach Männerfußballspielen kann bis zu 38% ansteigen.
Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Frau ihren Mann vergewaltigt, verletzt oder umbringt nach einem verloren Fußballspiel ist jedoch sehr gering.
Gebet mitten am Tag:
Gott,
du siehst uns. Jeden einzelnen Menschen.
Du siehst uns in den glücklichen Momenten, wenn wir gemeinsam feiern. Und du siehst uns auch in den schlimmen Momenten der Einsamkeit und Gewalt. Wir können uns auf dich verlassen, denn wir wissen, dass du da bist, wenn wir dich brauchen.
Wir bitten dich für alle Menschen, die das Gefühl haben nicht gesehen zu werden und für alle Menschen, die unter Gewalt leiden.
Zeig uns deinen Weg und deine Liebe und gib uns die Kraft die Kirche und das alltägliche Leben gerecht zu gestalten.
Amen.
Andacht von Tatjana Schiefer